German Literature 1730-1805
Lecture II: Aufklärung
Wir leben in einer Zeit, wo die Aufklärung der europäischen Nationen über ihr wahres Interesse täglich zunimmt und sie immer mehr den Grundgesetzen nähert, welche die Natur der menschlichen Gattung vorgeschrieben. (Christoph Martin Wieland, Teutscher Merkur (1773); in Christoph Martin Wieland, Aufsätze zu Literatur und Politik, ed. Dieter Lohmeier, Texte deutscher Literatur 1500-1800 (Reinbek, 1970), p. 14.)
Wenn es wahr ist, daß dieses achtzehnte Jahrhundert sich einiger beträchtlicher Vorzüge vor allen vorher gehenden rühmen kann: so ist nicht weniger wahr, daß wir sie lediglich der Freyheit des Denkens und der Presse, der dadurch bewirkten Ausbreitung der Wissenschaften und des filosofischen Geistes, und der mehrern Bekanntmachung derjenigen Wahrheiten, von denen das Wohl der bürgerlichen Gesellschaft abhängt, zu danken haben. (Wieland, ‘Gedanken über den freyen Gebrauch der Vernunft in Gegenständen des Glaubens’ (1788), in Sämmtliche Werke, 45 vols (Leipzig, 1794-98, repr. Hamburg 1984), XXIX, 20.)
Daß von unserer Väter Zeiten her, durch die weit und breit eingerissene Cartesische Philosophie […] der Religion grosser Schade angerichtet worden, liegt am Tage. Man ist durchgehends allzu lüstern, zweifelhaft und kühne worden […]. So bald man nur anfing die […] Lehren, daß die Sonne stehe, und unsre Erd-Kugel um dieselbige herum gedreht werde, fest zu setzen, so bald nahm die Verachtung der heil. Schrift und der Glaubens-Puncten mercklich zu; hingegen vermehrte sich [die] Lust, neue und paradoxe Meynungen anzunehmen […] von Tag zu Tag. Ich muß mit anführen, daß der große Beyfall, welchen die […] Pufendorfische Moral-Philosophie durchgehends erhalten, auch ein ziemliches hierzu beygetragen habe. (Valentin Ernst Löscher, in Frühaufgelesene Früchte der Theologischen Sammlung von Alten und Neuen [Theologischen Sachen] (Leipzig, 1735-42), Zweyter Beytrag (1735). In: 18. Jahrhundert: Texte und Zeugnisse, ed. Walther Killy (München, 1983), pp. 21-22.)
René Descartes (1596-1650) (Discours de la méthode pour bien conduire sa raison et chercher la vérité dans les sciences (1637); Meditationes de prima philosophia (1641))
Nicholas Copernicus, 1473-1573; Galileo Galilei, 1564-1642; Johannes Kepler, 1571-1630; Isaac Newton, 1642-1727.
Samuel Pufendorf (1632-1694), De jure naturae et gentium (1672).
Miste für allen Dingen deinen Verstand aus / das ist / lege die Verhinderungen weg / und bestreite die praejudicia als den Ursprung aller Irrthümer. […] Fange an sie […] zu attaquiren […] traue künfftig nicht mehr so leichte / sondern fange an und Zweiffele. […] Verlaß dich in Erforschung der Warheit niemahlen auff die autorität einiges Menschen / er sey auch / wer er wolle. (Christian Thomasius, Ausübung der Vernunftlehre (Halle, 1691; repr. Hildesheim, 1968); in Killy, ed., p. 9.)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit
. […] Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. (Immanuel Kant, ‘Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?’ (1784), in Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, ed. Ehrhard Bahr (Stuttgart, 1974), p. 9.)
Die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung. (Immanuel Kant, ‘Was heißt: sich im Denken orientieren?’ (1787), in Kant, Werke in zwölf Bänden, ed. Wilhelm Weischedel (Frankfurt a. M., 1977), V , p. 283.)
Die Welt, sagt unser Sprichwort, wird stets klüger, | Und alles liest, ich weiß, den Puffendorf. (Heinrich von Kleist, Der zerbrochene Krug, scene 4, in Kleist, Werke in einem Band, ed. Helmut Sembdner (München, 1966), p. 131.)
Die ganze Menschengeschichte ist eine reine Naturgeschichte menschlicher Kräfte, Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit. (Johann Gottfried Herder, Ideenzur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1784-91), in Herder, Werke in zehn Bänden, ed. Martin Bollacher et al. (Frankfurt a. M., 1985-2000), VI, 568.)
Ein Philosoph ist ein Philosoph, ob er Christ oder Heide, Deutscher oder Wälscher sei. […] Wie die Geometrie und die Chirurgie keine christliche Wissenschaft ist, so ist es auch die Logik nicht. […] Das Naturrecht muß auch für die Nichtchristen wie für die Christen gelten, daher muß es auch auf eine Grundlage gebaut werden, welche allen Völkern gemeinsam ist, ob sie nun eher auf Mohammed oder auf Christus hören. Das dem Menschen in’s Herz geschriebene Gesetz, wie die menschliche Vernunft es beleuchtet, ist diese natürliche Grundlage. […] Sie alle werden von dem gleichen Natur- und Völkerrecht begriffen: die Pflicht der Humanität verbindet alle Menschen und das Naturrecht ist Sache der Menschheit. (Samuel von Pufendorf, De jure naturae et gentium (1672).)
Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? so ist die Antwort: Nein, wohl aber in einem Zeitalter der Aufklärung. (Immanuel Kant, ‘Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?’ (1784), in Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, ed. Ehrhard Bahr (Stuttgart, 1974), p. 15.)
Der Mensch ward zum Thun und nicht zum Vernünfteln erschaffen. (Gotthold Ephraim Lessing, ‘Gedanken über die Herrnhuter’ (1750), in Lessings Werke, ed. Franz Bornmüller, 5 vols (Leipzig and Wien, n. d.), V, 641)
Er hatte in seinen ersten akademischen Jahren die tiefsinnige spekulative Philosophie sehr geliebt, und mit Eifer getrieben. […] Aber er machte sich selbst in der Folge eine andre; eine, die dem bloß gesunden Verstande aller Menschen näher kömmt; die in der Gesellschaft und in der Welt besser gebraucht werden kann; und die die Einbildungskraft nicht tödtet, sondern leitet. (Christian Garve, ‘Vermischte Anmerkungen über Gellerts Moral, dessen Schriften überhaupt, und Charakter’ (1772), in Garve, Popularphilosophische Schriften über literarische, ästhetische und gesellschaftliche Gegenstände, ed. Kurt Wölfel, Deutsche Neudrucke: Reihe Texte des 18. Jahrhunderts, 2 vols (Stuttgart, 1974), I, 106-160 (p. 138).)
Beobachtungen zur Aufklärung des Verstandes und Besserung des Herzens
, ed. J. M. Miller, 1779-1782
[Der] Verstand [soll] zu seiner völligen Aufklärung gelangen und diejenige Reinheit des Herzens hervorbringen […], die uns, die Tugend um ihrer selbst willen zu lieben, fähig macht. (Gotthold Ephraim Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts (1777), §80; in Lessing, Die Erziehung des Menschgeschlechts und andere Schriften (Stuttgart, 1977), p. 27.)
Sind Christ und Jude eher Christ und Jude, | Als Mensch? (Gotthold Ephraim Lessing, Nathan der Weise (1779), Act II sc. 5, in Lessings ‘Nathan’: Der Autor, derText, seine Umwelt, seine Folgen, ed. Helmut Göbel (Berlin, 1979), p. 115
Mechanism der Natur. (Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden: Ein philosophischer Entwurf (1795), in Kant, Kleinere Schriften zur Geschichtsphilosophie, Ethik und Politik, ed. Karl Vorländer (Hamburg, 1964), pp. 139, 146)
Aus Leidenschaften wird die Tugend geboren […]. Man muß also nicht Leidenschaften ausrotten wollen! (Johann Gottfried Herder, ‘Das Drama’, in Herder, Sämmtliche Werke zur schönen Literatur und Kunst, vol. 10 (Stuttgart and Tübingen, 1853), p. 201)
Denn was ist der Verstand (intellectus, understanding) als Anerkennung der bestehenden Naturordnung und Naturfolge? was sind Sitten als ein Benehmen, das sich dieser Ordnung füget? (Johann Gottfried Herder, ‘Das Drama’, in Herder, Adrastea, 3. Stück (1802): Früchte aus dem sogenannt goldenen Zeitalter des achtzehnten Jahrhunderts, in Herder, Sämmtliche Werke zur schönen Literatur und Kunst, vol. 9 (Stuttgart and Tübingen, 1853), p. 306)
Aufklärung [bezieht sich auf] vernünftige Erkenntnis […] und Fertigkeit […] zum vernünftigen Nachdenken über Dinge des menschlichen Lebens nach Maßgebung ihrer Wichtigkeit und ihres Einflusses in die Bestimmung des Menschen. (Moses Mendelssohn, ‘Über die Frage: Was heißt aufklären?’ (1784), in Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, ed. Ehrhard Bahr (Stuttgart, 1981), p. 4.)
Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste. Wer uns also mitleidig macht, macht uns besser und tugendhafter, und das Trauerspiel, das jenes tut, tut auch dieses. (Gotthold Ephraim Lessing, Briefwechsel über das Trauerspiel (1756-57), in Lessing, Werke, ed. Herbert G. Göpfert, 8 vols (München, 1970-79), IV, 63.)
Christoph Martin Wieland, Geschichte des Agathon (1766); Johann Wolfgang Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795-96)