Die Sigenot-Wandmalereien auf der Burg Wildenstein
Burg Wildenstein 1. Überblick zur Geschichte

2. Aufrißskizze

3. Detailaufnahmen mit Inhaltsangabe

Ostnische

Ostwand 

Nordnische


Burg Wildenstein bei Leibertingen im Donautal (Foto: djh)

1. Überblick zur Geschichte der Ausmalung und Grundriß

Wir danken ganz herzlich dem Jugendherbergsvater Jürgen Schmidt, der uns bei allen Untersuchungen unterstützte!
(Übernachten auf der Wildenstein und weitere Informationen zur Jugendherberge)
Diese Kurzeinführung soll lediglich dazu dienen, die folgenden Fotos verständlich zu machen.
Eine ausführlichere Darstellung findet sich bei Curschmann/Wachinger und bei Trugenberger
(vgl. Literaturangaben auf der Hauptseite).
Die Burg Wildenstein liegt im Donautal westlich von Sigmaringen in der Landschaft mit der höchsten Burgendichte Europas.

 
Burgen im Donautal In der Nähe der jetzigen Burg Wildenstein sind noch Überreste der früheren Burg Alt-Wildenstein erhalten; auch der Hexenturm und der Hahnenkamm gehören in den Zimmernschen Besitz. 
 
 
 
 
 
 
 
 
Übersicht Burgen im Donautal
(aus: Günter Schmitt: Burgenführer 
Schwäbische Alb, Bd. 3: Donautal (1990), S. 201)

 Sie   verdankt ihre heutige Gestalt der durchgängigen Neugestaltung des 16. Jahrhunderts. Graf Gottfried Werner von Zimmern, Onkel des Verfassers der Zimmernschen Chronik, durch die einiges über diese Umgestaltungsmaßnahmen bekannt ist, ließ den alten Bergfried durch moderne Festungsanlagen ersetzen und die bestehenden Gebäude grundlegend neu strukturieren.
 
Grundriß auf Erdgeschoßebene
Bildlegende (ausgewählte Punkte)

 
 

  5   Westturm

  6   Ostturm

  8   Wehrmauer

13   Burghof

14   Burgkapelle

18   Speisesaal

19   Küche

21   Kommandantenturm

29   Empfang 
 
 
 
 

Grundriß der Hauptburg

(aus: Burgen in Mitteleuropa, Bd. 1 (1999), S.x)

Der Palas wurde dabei von ihm mit Wandmalereien zum 'Sigenot', einem kürzeren Text der mittelhochdeutschen Heldenepik, versehen. Welche Ausgabe er genau benutzte, ist noch nicht sicher festgestellt; die Umrißzeichnungen, die den Fotos der einzelnen Wandfelder beigegeben sind, sollen beim Vergleich mit den zahlreichen Drucken des frühen 16. Jahrhunderts (Überblick dazu bei Heinzle, vgl. Literaturangaben auf der Hauptseite) helfen. Die Bilder werden sukzessive als Datenbank zur Verfügung gestellt.
Es wird von dem Grafen berichtet, er habe selbst reimen von dem Berne (also Dietrich von Bern) und den risen verfaßt. Davon hat sich nichts erhalten, aber der Graf hat offensichtlich in die Anordnung der Malereien selbst strukturierend eingegriffen, denn sie setzt die episodenhafte Erzählung aus der sogenannten 'aventiurehaften' späten Dietrichsepik in zwei parallel laufende Bildbänder mit einzelnen Handlungshöhepunkten um.

2. Aufrißskizze zum Palas

Der ehemals große Raum im Nordosten der Burg bot als Wandflächen die Ost- und die Nordwand; die Südwand ist durch den Zugang und die Treppe ins Obergeschoß nur teilweise nutzbar. In der Südwand und der Ostwand findet sich je eine Nische, in der Nordwand zwei, die jeweils mehrere Meter tief in die Burgmauer eingeschnitten sind. In den Nischen sind nicht nur die Wände, sondern auch die Decke bemalt.
Der große Raum  ist jetzt aufgeteilt in
Empfang = Südwand mit Südnische und rechte Seite der Ostwand [weitgehend zerstört];

Büro = Ostnische und die rechts und links davon liegenden Felder der Ostwand;

Personalraum = rechte Seite der Ostwand und rechte Seite der Nordwand mit Nordnische;

Küche = linke Seite der Nordwand und Westwand [völlig durch Tünche überdeckt]

Die Geschichte verläuft entsprechend der Numerierung der Felder in zwei Registern jeweils gegen den Uhrzeigersinn von Süden nach Norden. Oben ist die Dietrichs-, unten die Hildebrandhandlung.
 
Aufrißskizze Der Palas der Burg Wildenstein mit der alten Einteilung in zwei große Räume  ( ___ ) und der heute bestehenden Wandgliederung (---). Die Sigenot-Malereien laufen von der Südwand ("Empfang") über die Ostwand bis zur Nordwand und beziehen auch die tiefen Fensternischen mit ein.
 
 
 
 
Aufrißskizze nach Curschmann/Wachinger, 
S. 365

Handlungsüberblick

Da am Anfang und am Ende der beiden Register Szenen zerstört sind, ist nicht sicher, ob die Wandmalerei den vollständigen Handlungsverlauf wiedergab. In der folgenden Handlungsskizze sind die Nummern des Überblicks angegeben, wenn sich eine eindeutige Identifizierung treffen läßt. Werden Nummern übersprungen, so sind die Felder zu schlecht erhalten, um sie in die Handlung einzuordnen. Der vollständige Text des 'Jüngeren Sigenot' in der kritischen Ausgabe von Schoener findet sich auf dem Server.

Die Einleitung besteht nach einem kurzen Prolog mit Anrede an das Publikum aus einem längeren Gespräch zwischen Dietrich von Bern und seinem Waffenmeister Hildebrand über Abenteuer: Hildebrand erzählt von einem Riesen Sigenot allerdings nur unter der Bedingung, daß Dietrich nicht gegen ihn ausreite. Dietrich setzt sich darüber hinweg und zieht, nachdem ihn Hildebrand gerüstet hat, unter den Klagen der Frauen aus Bern aus. Auf der Heide erprobt er die Schnelligkeit seines Rosses, mit dem er sogar eine Hinde überholen kann, die er mit dem Schwert erschlägt. Das tote Tier ist (durch einen phantasievollen Restaurator mit Hundefüßen versehen) auf dem ersten noch erkennbaren Bild des Wandmalereizyklus (4) zu sehen, dazu der Wilde Mann, dem Dietrich begegnet. Er trägt einen Zwerg an einer Stange und Dietrich tritt zu dessen Befreiung an. Nachdem Dietrich zuerst nicht gegen den Wilden Mann ankommt (5), gibt ihm der Zwerg, der auf den Deckenbildern der Ostnische gebunden zu sehen ist, ein Kraut, mit dessen Hilfe er den Wilden Mann besiegt (6). Der Zwerg Baldung, Nachkomme Alberichs, dankt Dietrich, rät ihm von einem Kampf mit Sigenot ab und schenkt ihm, als er sich weigert, von seinem Vorhaben abzulassen, einen Zauberstein, der Dietrich vor den Drachen des Riesen schützen soll.

Dietrich erblickt den schlafenden Riesen Sigenot (7). Damit beginnt die Reihe an der Ostwand, die zwar durch die neue Wand zwischen Büro und Personalraum unterbrochen ist, aber noch die am besten erkennbaren Bilder zeigt. Dietrich weckt den Riesen mit einem Fußtritt und beginnt einen langen Kampf, dessen Ausgang lange ungewiß ist (8, 9, 10); die folgenden Stadien des Kampfes an der Nordwand sind nicht mehr zu erkennen; danach geht der Kampf in der Nordnische weiter. Nachdem ihm Dietrich die vierkantige Stange, mit der er bis dahin gekämpft hatte, aus der Hand geschlagen hatte (13), greift Sigenot zum Baum (14). Schließlich besiegt Sigenot Dietrich, nimmt ihm seine Rüstung ab und wirft ihn in ein tiefes Loch zum Gewürm. Das fand sich wohl an der Fortsetzung der Nordwand, von der sich nichts erhalten hat. Damit muß jedenfalls der Dietrichzyklus des oberen Registers aufgehört haben.

Nachdem er von Dietrich keine Nachricht erhalten hat, reitet Hildebrand verabredungsgemäß aus Bern. Sein Abschied von der Herzogin ist nicht mehr erhalten; das erste erkennbare Bild (19) zeigt den Kopf des auf Hildebrand lauernden Riesen, der sofort einen Kampf beginnt (20), der sich ähnlich lange hinzieht wie derjenige mit Dietrich (21, 22, 23, 24). Schließlich besiegt der Riese Hildebrand und trägt ihn an seinem Bart (25) in seine schachbrettartig gemusterte Höhle. Hildebrand entdeckt dort die Waffen Dietrichs an der Wand und rüstet sich mit ihnen (26; der Restaurator hat aus dem Betthimmel eine Fahne gemacht). Daraufhin beginnt eine zweite Kampfrunde (27, 28), bei der Hildebrand auf dem Boden liegend (29) Sigenot von unten durch den Schuppenpanzer sticht (39) und ihn tötet.

Dietrich tritt jetzt wieder auf, die beiden Handlungsstränge treffen aufeinander: mit Hildebrands Hilfe versucht er, aus dem Loch zu entkommen (31, 32). Der erste Versuch, mit einem aus Hildebrands Kleidern gedrehten Stick, mißlingt, aber mit Hilfe eines zweiten Zwerges gelangt Hildebrand an eine Leiter, über die er Dietrich aus der Grube hilft, nicht ohne ihn vorher gründlich ermahnt zu haben. Beide reiten nach Bern zurück. Das war wohl am Ende des Zyklus dargestellt, der jetzt nicht mehr erhalten ist.
 

Interaktive Karte: Klicken Sie auf die Zahlen, um sich ein einzelnes Feld anzuschauen bzw. auf die Beschriftungen 'Nordnische' usw., um einen Überblick über den entsprechenden Raumkörper zu erhalten.
Oberes Register (= obere Szenen auf den Wänden und Deckenbilder in den Nischen): Dietrichs Kampf (Titutulus berner), zuerst mit dem Wilden Mann (waidman): Nr. (x14), 16 (7), dann mit dem Riesen Sigenot (sigenot): Nr. 814.
Unteres Register (= untere Szenen auf den Wänden und Seitenbilder in den Nischen): Hildebrands Kampf (hiltbrant) mit Sigenot: Nr. (y14) 1532.
Skizze nach Curschmann/Wachinger, S. 366

 

3. Detailaufnahmen

Das Projekt sieht vor, alle Einzelszenen aufzunehmen und in Beziehung zu den Holzschnitten in den Frühdrucken zu setzen. Dazu soll eine Datenbank aufgebaut werden, in der nicht nur die Fotos der Bestände auf der Burg, sondern auch Durchzeichnungen und Beschreibungen der beschädigten Teile enthalten sind.

 
Die Fotos lassen die mehrfache Übermalung und den schlechten Erhaltungszustand erkennen; teilweise kommt auch die Vorzeichnung durch.  Es sind deshalb Umrißzeichnungen (auf Fotokopien der Farbbilder) beigegeben, die bei der Identifizierung der Figuren helfen können.

(Die einzelnen Wandsegmente lassen sich gesondert betrachten; von dort aus sind dann die Einzelaufnahmen einordenbar; die bereits aufgenommenen Teile sind durch Links verknüpft)
Südwand / Südnische (Empfang)
x1x3: ?? Ausritt Dietrichs?  [Felder nur noch schwach erkennbar; nicht in der Planskizze2, daher unabhängig numeriert]
y1y4: ?? Ausritt Hildebrands?
Ostwand rechts von Nische (vier zerstörte Felder im Empfang und zwei Felder im Büro)
14: ?? Dietrichs Begegnung mit dem Wilden Mann
1518: ?? Hildebrands Ausritt?
Ostnische (Büro)
56: Dietrichs Kampf mit dem wilden Mann
1922: Hildebrands erster Kampf mit dem Riesen Sigenot
Ostwand links von Nische (zwei Felder im Büro, sechs Felder im Personalraum)
710: Dietrichs Begegnung mit Sigenot
2326: Hildebrand wird von dem Riesen Sigenot gefangengenommen
Nordwand rechts von Nische (Personalraum)
1112: Dietrichs Begegnung mit Sigenot
2728: Hildebrand wird von dem Riesen Sigenot gefangengenommen
Nordnische(Personalraum)
1314: Der Riesen Sigenot kämpft mit einem Baum gegen Dietrich;
2932: Hildebrand kämpft mit Sigenot

 
 
 
 
Das Foto zeigt das Team von der Universität Tübingen - Timo Kröner, Michael Rupp, Henrike Lähnemann, Stephanie Doldinger und Justin Vollmann - 
in der Burgkapelle bei den Ausleuchtungsarbeiten  für die Fotoaufnahmen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Fotos: Henrike Lähnemann
Administration: 06.10.2000, Henrike Lähnemann (henrike.laehnemann@uni-tuebingen.de)